Irene ist schuld! Und „Ich und mein Staubsauger“. Nur – wer ist Irene? Und was bitteschön „Ich und mein Staubsauger“? Und: Woran sind die Schuld?
Letzte Frage, erste Antwort: An dieser Textsammlung
Irene ist eine Freundin, die es in den späten 90ern nach Japan verschlug und die von dort in gewissen Abständen kurzweilige Sammelberichte an die Gemeinde zu Hause verschickte.
„Ich und mein Staubsauger“ war ein Fanzine – Punk und Verwandtes – im West-Berlin der 80er Jahre. Markenzeichen waren eine oft erstaunliche Perspektive („Konzertkritiken“ handelten zuweilen das musikalische Geschehen in einem Satz ab und beschäftigten sich ansonsten ausgiebig mit der Qualität der Döner-Buden in der Umgebung des Veranstaltungsortes) und großartig launische Formulierungen – über den Eurovision Contest: “Mit ihrem nuttenhaften Fummel versuchten die Background-Sängerinnen vom sub-albanischem Niveau der Veranstaltung abzulenken“.
Als ich nach längeren Aufenthalten in Russland 2002 dorthin übersiedelte und schließlich fünf Jahre wohnen sollte, stand ich vor dem Problem: wie mit allen Freunden, Kumpels und Bekannten in Kontakt bleiben? Allen einzeln zu schreiben hätte mich ständig an den Computer gefesselt und widersprach meiner angeborenen Faulheit. Und Blogs, die es mir erlaubt hätten, gleich abertausender Verbaldiarrhoetiker heutzutage sich ungehindert an der geistigen Hygiene meiner Mitmenschen zu vergreifen, gab es damals noch nicht. So fielen mir Irenes Japan-Berichte ein und ich beschloss, ähnliches für das uns damals noch unbekannte und unheimliche Russland zu versuchen.
Beim Schreiben ertappte ich mich, immer wieder in eine Betrachtungsweise und einen Stil zu verfallen, die ich beim Lesen des „Staubsaugers“ aufgeschnappt hatte. Das kam bei der Leserschaft anscheinend an, die Berichte wurde an mir unbekannte Menschen weitergereicht: einmal lernte ich in Moskau einen Deutschen kennen, der meinen „Moskau-Report“ – in pubertärer Anlehnung an die Schulmädchenreports aus den Bahnhofskinos der 70er so benannt – über drei Ecken regelmäßig zugeschickt bekam. Wurden die Intervalle zwischen zwei Berichten zu lang (was ständig passierte), mahnte man mehr Selbstdisziplin an und forderte neuen Lesestoff. Irgendwann fiel dann der Satz, der mir einerseits schmeichelte, aber auch etwas vermessen erschien und mich ob der daraus folgenden Implikationen bezüglich des zusätzlichen Arbeitsaufwandes erschreckte: „Pack Deine Berichte doch zusammen und mach ein Buch draus!“
Seither sind also achtzehn Jahre vergangen, in denen ich – neben Lohnknechtschaft und Versuchen in Kindeserziehung – reichlich unsicher, wohin das alles letztenendes führen sollte, an den Texten herumbastelte, ohne Inhalt und Form grundsätzlich zu ändern – allzu Tagesaktuelles flog raus und ganz schlimme sprachliche Schnitzer wurden versucht zu entfernen.
Dieses Buch versammelt somit aus dem Ruder gelaufene E-Mail-Rundbriefe aus Russland von 2002 bis 2007, zwei davon Anfang 2002 entstanden in Sibirien, der Rest in den folgenden Jahren während meines Aufenthaltes in Moskau. Der informelle Rundmail-Charakter der Texte darf nicht vergessen werden – sowohl was den Inhalt betrifft, als auch die Form und die verwendete Sprache: keine wohlabgewogenen Essays, sondern eher Erlebnisberichte und Gedankenassoziationen spätabends am Küchentisch nach tüchtigem Rotwein-, bzw. Vodkagenuss, wobei zwar alle Ereignisse tatsächlich so stattgefunden haben, die Erzählperspektive aber zuweilen etwas entglitten und speziell ist. Kurze Anekdoten des Alltagslebens stehen neben längeren Reiseberichten, aber auch (seltener) Nachdenklichem, ausgelöst durch das Leben in einem Land mit einer Kultur, die auf den ersten Blick europäisch erscheint, unter der Oberfläche aber stärker östlich geprägt ist, als sich selbst „die Russen“ bewusst sind und die mich manches Mal veranlasste, eigene Überzeugungen und Gewissheiten zu hinterfragen.
Dabei hatte das Schreiben zusätzlich einen therapeutischen Effekt: Wenn die Unbillen der alltäglichen Absonderlichkeit wieder besonders schlimm und bizarr wurden, meinte meine Frau immer: „Das gibt wenigstens ne gute Story für Deine Mails!“ Ein Gedanke, der oft Trost spendete…
Denn: damals als Ausländer in Russland zu leben, war wie Eishockeyspielen als Dilettant mit Könnern: solange man auf dem Eis ist, fragt man sich, warum man sich das antut, sobald man auf der Bank sitzt, will man zurück aufs Eis – im Alltag ständig von der Frage heimgesucht „brauch ich das?“, überkamen mich spätestens nach zwei Tagen im Ausland Entzugserscheinungen…
Ursprünglich als unterhaltsame Nachrichten über mein Leben in Russland verfasst, erweisen sich die Texte heute als Dokument des Lebens und der Geschehnisse im Russland der 2000er Jahre, die hoffentlich dem Leser das Land auf eine zugegebenermaßen eigenwillige Weise näherbringen und auch verständlicher machen, warum „die Russen“ sind, wie sie sind, die aber – ursprünglich unbeabsichtigt – im Nachhinein mit einem Mythos aufräumen, der in der politischen Linken, der ich mich durchaus zurechne, gerne gepflegt wird: „Der Westen“ habe Putin durch sein Verhalten Russland gegenüber erst zu seiner antiwestlichen Politik veranlasst. Beim Überarbeiten der alten Texte merkte ich: dem war nicht so, die Abschottung Russlands und Beschwören des Bildes von Russland als (vom „Westen“) belagerte Festung, deren einzige Verbündete Armee und Flotte seien, waren seit Anfang der 2000er Jahre fester Bestandteil des von Putin und seiner Clique verbreiteten und der Bevölkerung mal subtil eingeflüsterten, mal penetrant eingetrichterten Weltbildes. Schon damals zeichnete sich die Entwicklung des Putin-Regimes in Richtung eines revanchistischen Faschismus ab, was, neben familiären Gründen, ein Faktor war, einer beruflichen Versetzung aus Russland heraus zuzustimmen.
Es ist dies aber keine „Abrechnung“ mit eben jenem Putin-Regime, die Beschäftigung damit war ein Nebenprodukt der Beschreibung des Lebens in Russland. Es ging immer darum, „die Heimat“ an meinen Erlebnissen teilhaben zu lassen, den Freunden Russland näher zu bringen, meine – trotz allem – Sympathie für Land und Leute zu erklären (obwohl sie es einem oft nicht leicht machen), und zu unterhalten, frei nach dem Motto der Zeitschrift „Salbader“: Belehrung und Erbauung! Ich hoffe, das ist mir gelungen.
Berlin, Winter 2025